Vita

 

1961

geb. in Müllheim /Baden

1977-80

Steinmetz und Bildhauerlehre in Freiburg

1980-82

Mitarbeiter  bei dem freischaffenden Bildhauer (H.Lutz, Breisach)

1982-88

Akademie der bildenden Künste Karlsruhe bei Prof. Wilhelm Loth,

Prof. Harald Klingenhöller, Prof. Katharina Fritsch

seit  1986

freischaffend in Freiburg

1995

Stipendium der Kunststiftung Rheinland-Pfalz in Edenkoben

seit  2000

Mitglied im Künstlerbund Baden-Württemberg

2008

Projekt „exchanging spaces“Lagos / Nigeria

2010

2015

2017

Projekt „Time out“, Lagos (Nigeria)

Projekt "Transmission", Lagos, Nigeria

Künstleraustausch mit Moskau

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ausstellungen (Auswahl)

2000

„99 Standpunkte“, Langenhagen/Hannover (G/K)

2001

„Skulpturen im Park“, Denzlingen (mit J. Hüttemann)

„Nachschlag“, Roccahalle Denzlingen (mit J. Hüttemann)

Künstlerbund Baden-Württemberg, Karlsruhe (G/K)

2002

„Regionale“, Stapfelhus Weil am Rhein (G)

2003

„Kunst in der Klinik“, (mit E. Bereznicki)

„Regionale“, Kunstverein Freiburg (G)

2004

„Dreidimensional (Plastiken, Skulpturen, Objekte der Landkreise

Baden-Württemberg (G/K)

2005

„Von A bis Z“ Künstlerbund Baden-Württemberg, Karlsruhe (G/K)

 „Biennale de la Sculpture de Schiltigheim“ (G/K)

„Kunstpreis der Stadt Bühl für Skulptur“, Bühl (G)

2006

In Toto“, E-Werk Freiburg (G/K)

Galerie Meister H.S. (mit J. Laissue)

Zeitgenössische Kleinplastik, Galerie Netuschil, Darmstadt (G)

2007

Künstlerbund Baden- Württemberg, Neckarsulm (G)

„Regionale“, Donaueschingen (G)

„Kunst im Faulerbad“, Freiburg (G)

„Malerei und Skulptur, Reithalle Schloss Ebnet, Freiburg Ebnet (G)

2008

„Romance“, Denzlingen (mit E. Bereznicki)

 

„In god we Trust“, Lagos/Nigeria (G/K)

„ Gottesraum“, Karlruhe, Freiburg (G/K)

„ Kunstwerke“, Köln (G)

„LAGOS“, E-Werk Freiburg (G/K)

2009

„Schrittmacher“ Badisches Kunstforum Ebringen (G) 

„By Heart“, Stuttgart, Karlsruhe, Donaueschingen... (G/K)     

„meat meets meat“, L 6 Freiburg (E)

2010

„Still leben“, Kunstforum Neustadt (mit E.Bereznicki)

Art Karlsruhe (Galerie Pro Arte)

Galerie Pro Arte (mit Tatjana Busch), Freiburg

ART FAIR 21, Köln (Galerie Pro Arte)

2011

„Offen für Kunst“, E-Werk Freiburg (G)

Monument Art Galerie (mit Tatjana Busch), Jettingen-Scheppach

Forum Kunst Rottweil (G/K)

ART FAIR 21, Köln (Galerie Pro Arte)

2012

Kunstverein Kirchzarten (mit E.Bereznicki)

AussichtKUNST, Freiburg

ART FAIR 21, Köln (Galerie Pro Arte)

 

2013

Lehmann Stiftung, Haus der modernen Kunst Grunern (E)

Regional 013, Donaueschingen, (G/K)

„Gesichter“, Dreiländermuseum Lörrach (G)

„Das soll Kunst sein“, Kunstverein Freiburg (G)

 

2014

 

 

 

2015

 

 

2016

 

 

2017

 

„DSdoomsday“,  Galerie im Turm Donaueschingen (E)

Art Karlsruhe (Galerie Pro Arte)

„concrete“, Kunstverein Coburg (E)

 

 "heavy - light - stories I", Städtische Galerie Filderstadt (E)

 Kunsthalle Cloppenburg (mit Friedhelm Falke)

 

"Nothing Special", Kunstverein Kontur im Kunstbezirk Stuttgart

Kunstpalais Badenweiler (mit Elisabeth Bereznicki) 

 

"heavy - light - stories II", Haus Salmegg, Rheinfelden (E)

"heavy - light - stories III" Kunstverein Paderborn (E)

 ART Salzburg mit Galerie Marek Kralewski

"für extra", Kunstverein Böblingen (E) 

 Kunstdorf Unterjesingen (G)

3D in Grauwerten / Illusionen in Beton


von Christiane Grathwohl-Scheffel / Museum für Neue Kunst / Freiburg

 

Die Verbindung von Widersprüchen und Gegensätzen ist ein vorrangiges Merkmal der Kunst von Matthias Dämpfle. Er nimmt eine Untersuchung vor von Raum und Fläche, von leicht und schwer, von Abbild und Abstraktion.  Was  gemeinhin von einem Bildhauer erwartet wird – die Auseinandersetzung von Objekt und/im Raum – beschäftigt auch ihn, allerdings unter bestimmten Vorgaben. Seine Kunst ist körperhaft und die dritte Dimension immer präsent, jedoch liegt auf ihr nicht sein Hauptinteresse. Die gleiche Aufmerksamkeit wendet Matthias Dämpfle der zweiten Dimension zu, der Zeichnung auf der Oberfläche. Die gestaltete Objektform dient gewissermaßen als Untergrund und Träger für die Zeichnung und so sind die Skulpturen flach und körperhaft zugleich. Dämpfle ist ein Bildhauer, der mit ganzem Herzen Zeichner ist oder ein Zeichner, der in die Bildhauerei geraten ist.

 

Sein bevorzugtes Material für diesen Spagat ist  der Beton. Beton ist ideal für seine Absichten. Im Gegensatz zu natürlichen Werkstoffen wie Holz oder Stein oder auch Metall, ist Beton „neutral“, er hat kein Eigenleben und erzählt nichts von seiner Herkunft. Mit seinen Eigenschaften ist der Beton von optimaler Beschaffenheit für Dämpfles künstlerisches Vorgehen. Er ist kompakt, lässt sich in jede gewünschte Form gießen, die Oberfläche kann glatt geschliffen werden und damit als Untergrund dienen für die in die Fläche eingearbeitete Zeichnung. Der Beton ist quasi das Papier für den Bleistift. Der Bleistift ist in diesem Fall der Kristallbohrer des Schleifgeräts. Matthias Dämpfles  Zeichnungen sind nämlich Gravuren.

 

Schon während seiner Studienjahre in Karlsruhe hat er sich mit verschiedenen Gravurtechniken vertraut gemacht. Um einen optimalen Untergrund dafür zu schaffen, muss der Beton geglättet werden, bis er eine einheitlich dunkle Fläche bildet. Matthias Dämpfle verwendet französischen Zement, der sich durch seine dunkle Tönung besonders für seine Arbeitsweise eignet. Auf dem so vorbereiteten Untergrund kann mit Hilfe des Schleifgeräts gezeichnet werden. Es wird von unten nach oben gearbeitet, das heißt je mehr die Oberfläche bearbeitet wird, desto heller ist sie. So betrachtet sind die dunklen Stellen der Zeichnung, der unbearbeitete, stehengelassene, reine Beton und die hellen Partien geschliffene und damit gehöhte Stellen bis zu den fast weißen Setzungen, die denn letzten Einsatz der rotierenden Diamantnadel nachvollziehbar machen.

 

Als gelernter Steinmetz und studierter Bildhauer kennt sich Matthias Dämpfle bestens aus mit den Eigenschaften seiner Materialien. Über Kalkstein und Granitskulpturen kam er vor gut 10 Jahren zum Beton. Es ist ein Material, das ihm größere Beweglichkeit und gestalterische Freiheit ermöglicht als der Stein. Das künstlerische Vorgehen ist beim Beton umgekehrt zu der beim Stein üblichen Arbeitsweise. Die Form wird nicht aus dem Block herausgehauen, sondern als Hohlform in ihrem Umriss, quasi als Model, gestaltet und dann aufgefüllt. Hat der Beton abgebunden, wird er geschliffen und geglättet und somit vorbereitet für die weitere Bearbeitung. Auf diese Weise werden ausgefallene Dinge möglich, wie z. B. die Aufsicht oder Untersicht einer Person. So geschehen in der Skulptur „Alfred“ von 2002, in der Matthias Dämpfle den Blick auf den kahlen Kopf, die Schultern und verschränkten Arme im weißen Hemd und die aus der Vogelperspektive vorstehenden Füße in Schuhen eines real existierenden Menschen gestaltet hat. Aus der äußeren Form der Skulptur, dem Betonkörper, lassen sich keine Rückschlüsse ziehen auf die eigentliche Darstellung. Es ist schlicht ein hochkant liegender Betonblock mit glatter Vorder- und Rückseite,  gegossen in einer welligen Form, annähernd einen Kreis beschreibend, bei der zwei akzentuierte Ausbuchtungen auffallen. Diese Form ergibt sich aus der fotografischen Vorlage. Sieht man nicht die Zeichnung auf der Vorderfläche, bleibt diese Form abstrakt. Auf keinen Fall käme man auf die Idee, dass es sich um die Darstellung einer Person in Aufsicht handelt. Selbst bei guter Sichtbarkeit der Zeichnung lässt sich nicht gleich erkennen, um was es sich dabei eigentlich handelt. Das Ganze erfordert das Überwinden der Irritation und ein Prozess der Entschlüsselung, der Abstraktion muss durchlaufen werden.

 

Man steht als Betrachter immerhin so, dass der Blick wie aus einem Fenster direkt nach unten auf den Kopf der Person „Alfred“ geführt wird. Ein Verwirrspiel der Standpunkte und Perspektiven ist impliziert. Man muss sich über seinen eigenen Standort als Betrachter befragen. Das Auge sieht nur, was das Gehirn erkennt und es ist wie bei allen Augenrätseln: Haben wir einmal die dargestellte Szenerie entschlüsselt, erkennen wir sie wieder und können sie von nun an nicht mehr anders sehen. Solange das Gesehene jedoch noch unerklärlich ist, bleibt die Darstellung zutiefst verwirrend, ein Geheimnis.

 

Mit dieser Monumentalskulptur hat Matthias Dämpfle einen fulminanten Auftakt für eine Werkgruppe geschaffen, die bis heute sein Interesse bestimmt. Es ist die Darstellungen von Personen, sei es als Porträt oder auch als Körperbild auf Beton graviert, mal als räumlich eigenständiges Objekt, mal als Halbrelief oder volumenhaftes Bild an der Wand. Die Porträts  gibt es in zwei Versionen: Ein hochrechteckiges Betonrelief mit leicht konkaver Wölbung (Höhe 36cm, Breite 24 cm, Tiefe 8cm) und neuerdings eine monumentalere Version in deutlich größerem Format (Höhe 72cm, Breite 52 cm, Tiefe 20 cm) mit einer gesteigerten Außenkurvung. Auf diesen gewölbten Flächen ist die Kopfdarstellung immer nahe herangezoomt als Ausschnitt aufgebracht. Der Schwerpunkt ist auf das Gesichtszentrum gelegt, Hals, Ohren und Haare werden weggelassen. Als  Ausgangspunkt dienen Dämpfle Fotografien von Freunden und Bekannten, immer wieder auch berühmte Personen mit markanten Gesichtern, wie Maria Callas oder Marcel Duchamp. Die Wiedergabe der Gesichter ist von einem frappierenden Schmelz der Grauwerte, wie sie in scheinbar fotorealistischer Klarheit aus dem Beton hervortreten. Die Verbindung von gegensätzlichen Techniken, dem so nüchtern wirkenden Baustoff Beton und der diffizilen Technik der Gravur löst eine starke Faszination beim Betrachter aus.

 

Die Sinnestäuschung, das in der bildenden Kunst seit dem Altertum immer wieder angewandte Trompe-l’oeil, hat das Thema der Illusion zum Gegenstand. Das ist auch bei Matthias Dämpfle der Fall. Die Illusion, das Vorspiegeln von Dingen, die nicht da sind bzw. das Erwecken von Vorstellungen, die der Realität nicht entsprechen, ist ein Spiel mit Möglichkeiten. Es ist ein so tun als ob.  Der Bildhauer modelliert das Gesicht als Zeichnung auf der gewölbten Fläche. Die Räumlichkeit beschränkt sich auf den geometrischen Betonkörper. Nase, Lippen, Augenbrauen treten nur scheinbar aus dem Untergrund hervor. Ein Blinder, der diese Kunst ertasten wollte, könnte sich keinen Reim darauf machen.

 

Neben den Porträts steht eine andere Gruppe figürlicher Arbeiten. Es sind Männer, Frauen und Kinder, nackte Körper in verschiedenen stilisierten Positionen, mal mit angewinkeltem Bein, gekreuzten Armen, auf einem Bein kniend oder in der Haltung von Sportlern, eines Kunstspringers oder einer Tänzerin. Seltsam aus ihren Zusammenhängen genommen, transportieren diese Körper eine Vorstellung von Körperlichkeit, die aus einer anderen  Zeit zu kommen scheint. Tatsächlich stammen die Vorbilder für diese Figuren aus  einem Standardwerk der DDR für anatomisch korrektes Zeichnen für bildende Künstler aus den 60er Jahren von Gottfried Bammes, der Professor für Künstleranatomie an der Hochschule der Künste in Dresden war. In diesen Körperbildern wird eine Idealvorstellung des sozialistischen Menschen  transportiert, die Zeit ist wie festgefroren, an- und abwesend.

 

Von diesen in künstlichen Posen erstarrten Figuren lässt Matthias Dämpfle sich zu einer eigenen Werkgruppe inspirieren. Indem er sie wie Versatzstücke einzeln herausnimmt und in neue Zusammenhänge setzt, werden absurd anmutende Szenarien geschaffen. Die Szenarien sind wie kleine Bildergeschichten. Durch Reihungen und Gegenüberstellungen von  Mann, Frau, Kind, Eimer, Stuhl als Halbrelief an der Wand, werden ständig neue Bilder  kreiert. Die gleichen Versatzstücke, das einmal ausgewählte Personal dieses Baukastenprinzips, lässt immer wieder andere Kombinationen zu, die von der Lust am Spiel, von der Freude am Absurden sprechen. Die szenischen Reliefs sind voll subversiver Komik und eigenartiger Verfremdungseffekte, sie erzählen Geschichten ohne  Inhalt. Diese surrealen Momente  - und man kann dabei ruhig an den berühmten Kollegen René Magritte denken - ziehen sich durch Matthias Dämpfles gesamtes Werk.

 

Auch in seinen nicht-figürlichen Arbeiten ist diese Vorliebe für das Absurde und Surreale erkennbar. Die parallel zu den figurativen Werken entstehenden geometrischen sind sein zweites Untersuchungsgebiet. Auch sie sind in der Wirklichkeit angedockt. Zu den bevorzugten Motiven gehören die Treppenstufen und die Stuhl-Szenarien, die als perspektivisch, räumliche Verschachtelungen, als Objekte im Raum, eine eigene Werkgruppe bilden. Mit ihnen schafft Matthias Dämpfle vollplastische Raumskulpturen, die bis ins Detail geplant und als Modell gebaut werden, bevor sie in Beton zur Realisierung gelangen. Es gibt einen „Urstuhl“, der aus verschiedenen Perspektiven fotografiert wird. Dann werden diese unterschiedlichen Ansichten als zweidimensionale Lineaturen auf Styroporplatten übertragen und danach entwickelt der Künstler als letzten Schritt vor der endgültigen plastischen Umsetzung die verschiedenen Steckkombinationen als Styropor Modelle. Die Modelle müssen in der Realität funktionieren, bevor die jeweiligen Ansichten und Verkürzungen auch als dreidimensionale Skulptur umgesetzt werden.

 

Eine ähnliche Vorgehensweise benutzt Matthias Dämpfle bei den Treppenskulpturen. Auch sie werden als Modelle gebaut, dann fotografiert und diese Fotos wiederum dienen als Vorlage für die illusionistisch faszinierenden mächtigen Betonbilder. Die Treppen sind in sich von einer suggestiven Bildsprache, sie sind imaginäre Zugänge zu Räumlichkeiten, die nur in der Vorstellung existieren. Die Treppen werden mit den Augen und in der Vorstellung erklommen, die Stuhlszenarien hingegen, lösen eine tatsächliche Bewegung beim Betrachter aus. Nur indem diese Objekte umrundet und durch tatsächlichen Körpereinsatz erfahren werden, lässt sich die Skulptur in ihrer Verschränkung von Zwei- und Dreidimensionalität erfassen.

 

Das Prinzip, das alle Werke als Grundton durchzieht, ist die Verbindung von zweiter und dritter Dimension, die Verbindung von Objekt und Zeichnung. Für Matthias Dämpfle liegt in der Zeichnung die Möglichkeit Räumliches zu komprimieren, Objekte umzudeuten, im Sinne von Verkürzen und Zusammenfassen. Das ist so zu verstehen, wie Noten, Musik in eine  „Zeichensprache“ verkürzen. Eine Note ist abstrakt, ein Zeichen für etwas. Wer eine Note lesen kann, kann den entsprechenden Ton auf einem Instrument erzeugen und das ist es, worauf es ankommt. In diesem Sinne ist die Zweidimensionalität für Matthias Dämpfle, die Zusammenfassung, das „Instantpulver“ für Räumliches. Dieses Komprimieren und Abstrahieren in Zeichen, sei es Musik in Noten, Gebäude in Architekturplänen, Sprache in Schrift, ist ein kulturelles Phänomen, eine menschliche Errungenschaft/Eigenschaft. Auf Flachbildschirmen werden 3D-Filme angeschaut. In der Fläche wird die Imagination von Weite und Tiefe, vom Volumen und Raum suggeriert. Es entstehen Sehnsuchtswelten ohne Bezug zur Realität. Die vorgestellte Wirklichkeit ist imaginär, Bezüge sind verloren. Diese Welten sind ein Fenster in eine andere Realität. In diesem Sinne, auf dem Niveau eines vortechnischen Zeitalters, sind die Skulpturen von Matthias Dämpfle ein 3D in Grauwerten, eine Verzauberung auf höchst hintersinnigem Niveau, ein Beton-Spiel mit den gravierten Bällen der Imagination.